Leseprobe „Lieferung von Krokk“

Guten Abend, meine Damen und Herren!

Schauen Sie und staunen Sie, denn ich habe etwas wunderbares mitgebracht: Meine dritte Leseprobe zu meinem neuen Buch „Kurzgeschichten aus Nuun„! Ich wünsche eine gute Unterhaltung!

Lieferung von Krokk


Das
Sturmwasser schmeckte nicht, und damit endete der Tag so mies, wie er
begonnen hatte. Die Lieferung nach Tausendbein lief zwar ohne
Probleme, aber das änderte nichts an seiner Stimmung.
Wie eine
Tätowierung hatte sich das heutige Datum vor genau einem Jahr für
alle Zeit in seinem Kopf festgesetzt. Der Alkohol half ihm über die
ersten Monate hinweg. Schnell aber sah er ein, dass dies auf Dauer
keine Lösung sein würde. Er konnte verstehen, wenn andere sich ewig
damit betäubten, aber er wollte sein Leben nicht als umherirrender
Zombie verbringen. Auch das Rauchen gab er auf, und damit war er so
gar nicht das typische Bild einer gescheiterten Existenz, wie man sie
hier in Fepriffs Bar jeden Tag antreffen konnte.
Der Geruch von
Tabak, Bratenfett und Schweiß lag in der Luft. Fast alle Tische
waren besetzt mit Arbeitern, Bauern und Händlern, die ihre Flaschen
zum Mund führten, Zigaretten wild gestikulierend zu ihrer lauten
Erzählung durch die Luft schwenkten oder sich ein saftiges Stück
Fleisch schmecken ließen. Viele wollten einfach nur wie er den Tag
mit Alkohol beenden, wobei sie im Gegensatz zu ihm auch den morgigen
Tag durch einen trüben Flaschenboden begrüßen würden. Aufgrund
der wenigen Solid in Krokks Manteltasche konnte er sich das nicht
erlauben. Nun ja, heute hatte er ausnahmsweise ein dickes Bündel
Scheine dabei, das er aber morgen seinem Vermieter bringen musste, um
eine Sorge weniger zu haben.
Die Bezahlung hing immer davon ab,
wohin er liefern musste. Je gefährlicher seine Route oder je teurer
die Ware in seiner Kutsche, desto mehr konnte er verlangen.
Seine
oberste Regel lautete: Sei dir sicher, was du transportierst!
Illegale Geschäfte waren selten in den letzten Monaten. Die
Bezahlung war zwar besser, aber die Stimme in seinem Kopf war leider
nicht käuflich.
Lautes Gelächter einer ganzen Truppe von
Mechanikern schallte durch den Raum. Krokk griff erneut zum Glas. Als
er es wieder absetzte, sah er einen Mann, der aus dem Nichts
aufgetaucht war, an der Bar stand und Fepriff beim Abtrocknen der
Gläser störte.
Der seltsame Kerl hatte ein Tuch vor dem Mund und
den Zylinder tief ins Gesicht gezogen. Die Kleidung war eher
schlicht, keine Schnörkel oder Metallteile, nur abgetragener Stoff.
Seine Hose war eng anliegend, grau-schwarz gestreift und führte in
ein Paar feste, schwarze Stiefel.
Fepriff unterhielt sich mit ihm,
wobei er mehr zuhörte. Was der Fremde sagte, konnte Krokk durch die
frivolen Witze und ebenso laut vorgetragenen Trinksprüche seiner
Umgebung nicht verstehen. Aber er konnte Fepriffs Blick lesen, und
der sah nicht so aus, als würde der Typ gerade ein Getränk
bestellen. Stattdessen schaute er kurz zu ihm, was Krokk dazu trieb,
seine Hand möglichst unbemerkt unter den Mantel zu schieben.
Alte
Rechnungen, die jemand begleichen wollte?
In Gedanken ging er
seine letzten illegalen Lieferungen durch, kam aber zu dem Ergebnis,
dass alle seine Kunden zufrieden waren und sich stets mit einem
Händedruck verabschiedet hatten. Außer Holbert. Das lag aber daran,
dass er beide Hände verloren hatte und somit keine mehr schütteln
konnte. Ein Sprengstoffunfall hatte ihn dazu gezwungen, sich sein
Leben mit illegalen Drogen erträglicher zu gestalten und damit
seinen verlorenen Lebensmut zu ersetzen. Krokk besorgte ihm kiloweise
Jawa-Staub, der normalerweise nur in Krankenhäusern eingesetzt
wurde. Dafür ließ Holbert einige Solid springen.
Wusste Krokk
vielleicht zu viel?
Gut möglich, aber das war das Risiko, wenn
man bei jeder Lieferung selbst aufgestellte Regeln befolgen
wollte.
Krokks Hand lag auf der Pistole, die an seinem Gürtel
befestigt und vom Mantel verdeckt war. Der Fremde streckte Fepriff
seine Hand entgegen, der diese Geste annahm und sie schüttelte.
Ungewöhnlich. Die Hände von Fepriff im Blick entdeckte er jetzt
einen kleinen, gefalteten Zettel. Krokk mochte ihn zu sehr, um ihn
einfach so seinem Verderben zu überlassen. Wenn man sich hier in
Tausendbein mit den falschen Leuten einließ, landete man entweder
mit aufgeschnittener Kehle in der Gosse oder im besten Falle im
Gefängnis, um dort dann in einer Zelle zu verrecken.
Die Stadt
lag nahe am Krallenmoor und dem Gebiet der Werwölfe, sodass viele
Bürger in ständiger Angst lebten. Manch schlauer Kopf wusste, mit
dieser Angst Geschäfte zu machen. Schutzgelderpressungen waren an
der Tagesordnung.
Krokk ließ den letzten Schluck des Sturmwassers
unter seinem dichten, grauen Schnurrbart in den Mund fließen und
ging nach vorne zur Theke.
„Noch eins!“
Fepriff nickte,
legte sein Küchentuch zur Seite und nahm mit einer routinierten
Bewegung die Flasche, mit der er dann beiläufig das Glas
füllte.
Gerade wollte er Fepriff seine weisen Worte überbringen,
als der schmale Zettel abermals den Besitzer wechselte.
„Wollte
gerade an deinen Tisch kommen!“, sagte Fepriff, der sein Küchentuch
wieder in die Hand nahm.
Krokk schaute den Wirt vielsagend an.
Der
Zettel lag so neben dem Glas, dass nur er ihn sehen konnte.
Fepriff
formte seinen Mund zu einem schmalen Streifen, nickte und widmete
sich dann dem nächsten schaumbedeckten Glas aus dem
Spülbecken.
Krokk rückte die runden Gläser seiner Brille
zurecht, nahm mit einer Handbewegung Glas sowie Zettel und trabte
zurück an seinen Platz.
Noch bevor er das Papier betrachtete,
schaute er sich um.
Jeder hier im Raum war ihm mehr oder weniger
bekannt. Auf einer Skala von „Schon mal gesehen“ bis hin zu „Aus
der eigenen Kotze gezogen“ war alles dabei. Die Männer und Frauen
waren damit beschäftigt, über ihre Arbeitgeber zu schimpfen oder
Fingerhakeln zu spielen. Niemand beobachtete ihn. Der Fremde war
nicht mehr unter ihnen, aber scheinbar wusste er, wer Krokk war und
was er tat.
Mit seinen rauen, hornhautbesetzten Fingern faltete er
das Papier unterhalb der Tischkante auseinander. Im Halbdunkel
entzifferte er den Satz, der mit schwarzen Großbuchstaben
geschrieben war:HINTER DER KNEIPE. JETZT!Verdammt
mutig, ihm auf diesem Wege einen Geschäftsvorschlag zu machen. Krokk
stand gar nicht auf diesen Befehlston. Er war eher der dominante Typ,
auch wenn er aussah, als würde er den ganzen Tag Tauben füttern.
Krokk leerte das Glas mit einem Zug, stand auf und gab Fepriff seine
Solid.

Die Monde schienen aus einem Winkel, der die Gasse nur
schwach beleuchtete. Vor ihm stand der Fremde, den Zylinder tief im
Gesicht und ein schwarzes Tuch vor Nase und Mund.
Dumpf drang das
Geplärre der Kneipe nach draußen.
Würde er jetzt eine Waffe
ziehen, hätte Krokk keine Chance und es wäre sein Name, der morgen
früh in der Zeitung unter der Überschrift „Mysteriöser Mord“
genannt werden würde.
Papierreste und abgefallenes Laub flogen
raschelnd, vom Wind getrieben über den Boden und an ihren Beinen
vorbei.
„Krokk, richtig?“, fragte der Fremde, dessen Stimme
durch das Tuch stark gedämpft wurde.
„Ja, und wer bist
du?“
„Unwichtig!“
Der Fremde kam einen Schritt näher,
behielt seine angespannte Körperhaltung jedoch bei.
„Wir
brauchen jemanden, der etwas nach Hellmark transportiert! Hast du
Interesse?“
Krokk strich ruhig über seinen grauen Bart, während
der Fremde wartend seine Arme verschränkte.
„Das Problem ist:
Ich mache nur noch legale Lieferungen. Und wenn es sich um eine
solche handeln würde, könnte ich dein Gesicht sehen und wir würden
uns nicht zwischen Mülleimern und toten Ratten unterhalten!“
Der
Fremde ließ sich ebenfalls Zeit mit seiner Antwort.
„Wir zahlen
5000 Solid! 2.500 beim Aufladen und noch einmal die gleiche Summe
beim Abladen!“
Krokk dachte kurz an das Geld und wie viele
Mieten er damit abdecken könnte, schüttelte dann aber den Kopf.

„Sucht euch einen anderen Idioten!“
Krokk warf den Zettel
des Fremden zusammengeknüllt in eine Pfütze, die vom Regenschauer
des Morgens übrig geblieben war.
„Wir wollen aber den besten
Idioten für den Job!“, sagte der Maskierte und verschwand zu
Krokks Verwunderung in einer dunklen Seitengasse.
„Nicht
heute!“, flüsterte Krokk und griff nach der Silberkette, die um
seinen Hals hing.
Illegale Lieferungen wurden im Schnitt dreimal
so gut bezahlt wie legale. Vorausgesetzt, man konnte Lieferscheine
fälschen oder wusste einen anderen Weg, um an den Stadtwachen
vorbeizukommen.
Er rückte seine Brille zurecht und ging an der
Kneipe vorbei, aus der immer noch Gelächter drang. Auf seinem Weg
nach Hause achtete er besonders auf die Schatten, die aus den engen
Seitengassen krochen.

In seiner ungepflegten Zweizimmerwohnung
angekommen, zog er als Erstes den Mantel aus und genoss es, diese
Last nicht mehr auf den Schultern zu haben. Der Stoff sackte auf dem
Boden zusammen, bevor er sich bückte und aus der Innentasche einen
kleinen Teddybären zog. Behutsam platzierte er ihn neben sich auf
dem Kissen. Bevor er die Hose auszog, nahm er die Pistole aus dem
Gürtel und legte sie auf den Nachttisch, ebenso das Rasiermesser,
das er immer in seinem linken Stiefel aufbewahrte. Es war ein
angenehmes Gefühl, keine Schuhe mehr zu tragen. Er zog auch das
weiße Hemd und die Fliege aus und trug nur noch eine schlabbrige
Unterhose. Mit dem Rücken legte er sich auf die viel zu harte
Matratze. Den kleinen Teddy, den sein Sohn gebastelt hatte,
platzierte er auf seinem Bauch.
Heute vor genau einem Jahr hatte
er die beiden liebsten Menschen verloren, die er je in sein Herz
geschlossen hatte. Immer blasser werdende Erinnerungen, die Kette um
seinen Hals und dieses kleine, abgewetzte Stofftier, das sich
rhythmisch zu seiner Atmung hob und wieder senkte, waren alles, was
ihm geblieben war.
Seine Frau, stets fürsorglich und ehrlich, war
strikt dagegen gewesen, ungenehmigte Transporte auszuführen. Bis
kurz vor ihrem Tode hatte sich eine Krankenschwester um sie
gekümmert. Ihre Augen und ihren Mund, als dieser das Wort
„Nebelschatten“ formte, würde Krokk nie vergessen. Eine
Krankheit, die zu einhundert Prozent mit dem Tod endete. Als müsste
die Menschheit nicht schon genug kämpfen.
Mit diesen Bildern im
Kopf und den Fingern an der Silberkette glitt er langsam in den
Albtraum, den er jede Nacht hatte.Am
nächsten Morgen schmerzten seine Glieder und der Teddy lag neben dem
Bett.
Ein kurzer, von Unschärfe geprägter Blick auf den
Nachttisch ließ ihn hastig nach seiner Brille greifen. Ein Zettel
lag neben seiner Pistole. Hatte er den nicht gestern in die Gasse
geworfen?
„Heute Abend, 22 Uhr! Bauruine neben der alten
Kelterei!“, las er darauf.
Krokk schnappte sich die Waffe,
prüfte die Patronen in der Kammer und schaute sich im Zimmer um.
Bedächtig kroch er aus dem Bett und schlich in Unterhose zur
Badezimmertür.

Ende der Leseprobe!



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