Kurzgeschichte: Der Lauf der Natur

Es wird Zeit, euch mal wieder nach Nuun zu schicken, liebe Leser!
Den Charakter und auch das Tier aus dieser Kurzgeschichte werdet ihr in meinem Roman wiederfinden. Viel Spaß beim Lesen! 🙂
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Aktueller Stand: Wörter: 100.480 | Taschenbuch-Seiten: 288
Coverzeichnung: Marvin Herbring a.k.a. Vyse
Der Lauf der Natur
Blut lief aus der Kehle des Tieres
in das dunkle Moos. Aus den winzigen, spitzen Zähnen ragte die Zunge
hervor. Der Tod war noch nicht allzu lange her, denn es saßen keine
Fliegen auf der Leiche der jungen Zirkulkatze. Der Werwolf grämte
sich nicht und nahm dieses Geschenk Laturas an, griff sein Messer aus
dem Gürtel und begann damit, das Fell von dem kleinen Körper zu
schneiden. Der Lauf der Natur ist gnadenlos, aber Tan’Gros wusste,
das dieser Lauf gerecht war. Er fing an den Läufen an, schälte die
Haut nach unten und machte dann einen Schnitt an der Bauchdecke, um
das Fell mit einem kräftigen Zug ganz vom Körper zu trennen.
Unerwartet rann Blut über seine Pfoten und er merkte, dass er beim
letzten Zug einen Teil des kleinen Katzenohres eingerissen hatte. Er
versuchte, das rosa Fell nicht damit zu besudeln und schob es sich
hastig in den Beutel. Es war ihm wichtig, nur das zu nehmen, was er
wirklich brauchte und so legte er den gehäuteten Körper wieder auf
das Moosbett, damit hungrige Vögel und Raubtiere davon satt werden
konnten. Das Messer schob er in seinen Lendenschurz, dann breitete er
seine Arme auseinander, um den dunkelroten Umhang hinter seine
Schultern zu schieben, ohne ihn dabei mit seinen blutigen Pfoten
anfassen zu müssen. Er drehte sich um, und nach  nur einem
Schritt in die Himmelsrichtung des Flusses, an dem er sich waschen
wollte, blieb er ruckartig stehen. Hinter einem Busch sah er sie. Er
folgte ihr mit seinen Augen, bis die ausgewachsene Zirkulkatze hinter
dem dicht begrünten Hügel hervorkam und ein gutturales Knurren von
sich gab. Der Werwolf erkannte sofort, dass es sich um ein weibliches
Exemplar handelte. Die weiße Mähne, die sich um Nacken und
Schultern wand, war deutlich buschiger als bei den Männchen.
Außerdem waren die violetten Wirbel, die auf dem rosanen Fell saßen,
dunkler und zahlreicher.
Ein kräftiger Windstoß ging durch die
breiten Blätter der hochgewachsenen Bäume, während sich die
Raubkatze mit eleganten Schritten näherte. Ihrer zuckenden Nase sah
man an, dass sie das Blut witterte. Wieder knurrte sie, zeigte jetzt
aber deutlich ihre Reißzähne. Speichel rann über ihren breiten
Unterkiefer auf den Boden. Tan’Gros starrte in zwei grimmige, gelbe
Katzenaugen.
Dein Verlust ist
schmerzlich, das weiß ich. Aber sei dir sicher, dass ich es nicht
war, der das Leben deines Kindes nahm. Ich nahm nur, was Latura mir
anbot.“
, sagte Tan’Gros, ohne dabei
seine Stimme zu benutzen.
Die Katze schloss ihr Maul, der Fluss
an Speichel stoppte abrupt. Sie schnaubte stoßartig durch ihre Nase
und brüllte dann aus ganzer Kraft. Tan’Gros’ Ohren dröhnten und
die Blätter und Zweige um sie herum zitterten. Raben und andere
Vögel ergriffen laut schnatternd die Flucht nach oben, so dass im
nächsten Moment eine unangenehme Stille den Dschungel beherrschte.
Der Werwolf wusste, dass er mit einfacher Ansprache nicht
weiterkommen würde. Er musste zu härteren Mitteln greifen. Mittel,
die er in den letzten Jahrzehnten einstudierte und beherrschte wie
kein anderer.
Ruhig blieb er stehen und schaute auf die Katze.
Bedrohlich wackelte sie mit ihrem langen, dünnen Schwanz, fast als
wolle sie den Schamanen damit hypnotisieren. Ihre Augen funkelten und
mit kleinen, unscheinbaren Bewegungen machte sie sich bereit, auf die
Bedrohung vor sich zu springen und sie mit einem gezielten Biss in
den Nacken zu töten.
Gewähre mir
Eintritt, ich befehle es dir!
“,
dachte Tan’Gros, schloss die Augen und verlangsamte seinen Atem.
Die Katze hob abwechselnd ihre breiten Vorderpfoten.
Ich
möchte Zutritt, gewähre ihn mir! Sofort!
“,
dachte er erneut. Mit seinem Vertrauen in Latura und der Natur kniete
sich Tan’Gros langsam auf den Boden des Dschungels und legte seine
Pfoten auf die behaarten Oberschenkel. Seine Augen blieben
geschlossen.
„Wir sind es, die
deine Heimat beschützen. Wir sind es, die euch nur töten, wenn wir
hungrig sind. Wir sind es, die eure Existenz ehren und schätzen.
Gewähre mir Eintritt! Sofort!
“,
sagte er stumm und atmete ruhig ein und wieder aus.
Die
Zirkulkatze murrte, schloss ihr triefendes Maul und schlich auf den
Werwolf zu, bis sie genau vor seiner Schnauze stand. Sie schnaubte
und starrte ihn trotzig an. „Nein“, hörte Tan’Gros, als wäre
es ein leises Flüstern des Windes. Der Blick der Katze ging auf
seine blutbefleckten Pfoten. Dann schlängelte sie sich an ihm vorbei
und beschnupperte ihr totes, gehäutetes Kind. Mit ihrer Tatze
stupste sie gegen den rosa Leib, bis er vom Moos auf die Erde
rutschte. Der Werwolf drehte sein linkes Ohr nach hinten und blieb
dabei regungslos sitzen. Die Katze schaute auf, öffnete traurig ihr
Maul und schloss es wieder. Ratlos schaute sie hinter sich zu
Tan’Gros, verließ mit hängendem Kopf ihr Kind und verschwand in
einem der zahlreichen Wildgreißbüsche.
Der Schamane blieb
sitzen, bis die Tür zum Geiste der Katze verblasste. Er öffnete die
Augen und schaute geradeaus in die Grüne Vegetation des Dschungels.
Der Lauf der Natur war ohne Gnade. Gut, wenn man mir ihr reden
konnte.
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2 Gedanken zu „Kurzgeschichte: Der Lauf der Natur

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